Zum richtigen Umgang mit sexuell übergriffigem Verhalten

Es ist nicht auszuhalten. Wenn ich ausgehe und einfach mal feiern möchte, passiert es nicht selten, dass mir ein Kerl ein Getränk ausgeben oder mit mir flirten will. Wenn ich ablehne, kommt es leider viel zu oft vor, dass der Typ einfach nicht locker lässt und angesichts meiner Ablehnung nun erst recht aufdringlich wird, weil er mich „erobern“ will. Interessanterweise bin ich ihn meist erst dann los, wenn ich erzähle, dass ich einen Freund habe. Richtig ätzend. Mein Wille ist ihm egal, der Wille eines anderen Mannes aber, in dem Fall meines Freundes, zählt für ihn ungleich mehr, sodass er sein Vorhaben abbricht. Bei manchen von ihnen setzt sich das aber noch weiter fort: sie werden so aufdringlich, dass sie sich einfach das Recht herausnehmen mich zu betatschen und dann völlig empört sind, wenn ich mich dagegen wehre. Und damit ist noch nicht einmal sicher, dass der Typ dann wirklich aufhört. „Was stellt die sich denn so an?“ All das ist richtig ekelhaft. Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, der so etwas widerfahren ist. Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, der so etwas auch zukünftig widerfahren wird.

Leider machen solche Ereignisse auch vor dem beschaulichen Weimar nicht halt. Wir wissen darum, dass es auch in im weitesten Sinne „alternativen“ Locations in ganz Deutschland, hier sowohl im C.Keller als auch in der Gerberstraße, ebenso wie in allen anderen Bars oder Veranstaltungsorten, in letzter Zeit vermehrt zu übergriffigen Szenen gekommen ist – auch unter Beteiligung von Geflüchteten. Wir wollen mit dieser Mitteilung daher nicht nur über das Patriarchat aufklären, sondern einen, unserer Meinung nach, richtigen Umgang mit der Problematik sexueller Übergriffe empfehlen.

Wir wollen hier in aller Deutlichkeit klarstellen: Nicht die Herkunft, die Biologie oder die Nationalität einer Person ist Grund für deren Übergriffigkeit – es ist das Patriarchat – die Theorie der Minderwertigkeit der Frau. Das Patriarchat ist kein exklusives Problem Geflüchteter, aber es existiert eben auch in ihren Köpfen und äußert sich in anderer Weise als bei „Einheimischen“ – im Falle genannter Örtlichkeiten in einer unverblümten Missachtung herrschender Sexualmoral. Den demokratischen und faschistischen Nationalisten gibt das allerlei Anlass ihren reaktionären, rassistischen Mist zu verbreiten und sexistische Verhaltensweisen zu biologisieren, indem sie sie auf angebliche Rasse, Religion oder Herkunft schieben. Gerade in ihrer Scheißideologie werden Rufe nach dem starken, weißen Mann laut, der die europäische Frau als „minderwertiges Wesen“ vor den „bösen Ausländern“ beschützen muss. Die deutsche Frau wird bitteschön auch weiterhin nur vom guten deutschen Mann unterdrückt. Für sie existiert das Problem des Patriarchats nur in Gestalt von Geflüchteten oder als Problem der „Dritten Welt“. Als gäbe es das Patriarchat hier nicht, als würden nicht auch Europäer übergriffig werden. Als wäre die Ideologie, dass Männer die eigentlichen Subjekte der Gesellschaft und die „Brötchenverdiener“ wären, hier nicht ebenso existent. Als käme es nicht auch hier vor, dass die Frau nicht selten auf die Reproduktionsarbeit (Kochen, Putzen, Kinder, privates Glück und Sexualität etc.) und Privatsphäre festgelegt wird. Wir leben in einem System, in dem ich als Frau für das Kapital per se erst einmal suspekt bin, weil ich ja schwanger werden könnte und in dem ich unter dem Generalverdacht stehe weniger belastbar zu sein. Lohnt es sich überhaupt in meine Ausbildung zu investieren, wenn ich vielleicht bald heirate, Hausfrau werde und dann mein Mann für mich das Geld verdient? Lohnkosten sind immer ein Minus in der Bilanz des Kapitals und für die proletarische Frau macht es keinen Unterschied, ob ein Mann oder eine Geschlechtsgenossin ihre Stelle wegrationalisiert. Es braucht kein chauvinistisches, patriarchales Arschloch als Chef (sicher, die gibt es auch…) um die Frau auf dem Arbeitsmarkt stets und ständig zu benachteiligen. So verdienen Frauen tendenziell weniger und wenn die Entscheidung ansteht, wer aus der Kleinfamilie im Job kürzer tritt und/oder auf die Karriere verzichtet, fällt die Entscheidung rational betrachtet tendenziell auf Sie. Die patriarchale Ideologie wohnt der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft inne, sie hat ihre Grundlage in den materiellen Bedingungen dieser Gesellschaft, in der Frauen tatsächlich für die Reproduktion verantwortlich gemacht werden.

Die Herkunftsländer der Geflüchteten sind zumeist Halbkolonien, die formal politische Souveränität besitzen, wirtschaftlich aber in Abhängigkeit imperialistischer Nationen stehen. Die herrschende Klasse ihrer Länder, die Bourgeoisie, handelt darum im Interesse des imperialistischen Finanzkapitals. Das geht freilich nicht an der Bevölkerung jener Länder vorbei und äußert sich in, im Vergleich zu deutschen Verhältnissen, mangelnder Schuldbildung, flächendeckender Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und wenig Aussichten auf Besserung.
Denn, genauso wie der Kapitalismus, die Klassen, die Trennung von Produktion und Reproduktion und damit die Unterdrückung der Frau hervorbringt, bringen die halbfeudalen Bedingungen spezifische Formen der Frauenunterdrückung hervor. Wenn Zwangsverheiratungen aus ökonomischen Gründen Sinn machen, wenn Ekelhaftigkeiten wie das Recht der ersten Nacht noch durchgesetzt werden oder wenn Frauen noch nicht einmal rechtlich als Subjekte anerkannt sind, spiegelt sich das auch in der Ideologie der Männer, in der spezifischen Ausformung des Patriarchats in halbfeudalen Ländern, wider. So machen sich nicht Wenige angesichts der Zerstörung ihrer Herkunftsländer durch imperialistische Machtentfaltung und Krieg, der ihre Heimat in Schutt und Asche legt, aus Hoffnung auf ein besseres Leben auf den Weg nach Europa. Hier merken sie dann – sollten sie nicht im Mittelmeer den Tod gefunden haben – ganz schnell: Bis auf Ausnahmen sind sie hier nicht wirklich erwünscht. Wer für das Kapital nicht nützlich ist, der landet auch in Europa schnell in der Kriminalität. In einer Welt, in der die Menschen das Privateigentum vom gesellschaftlichen Reichtum trennt und der Staat das mit seiner Gewalt garantiert, muss man als Lohnabhängiger halt schauen, dass man an Geld kommt um auf fremdes Eigentum – heißt auf alle möglichen Bedarfsgüter – zugreifen, also sich etwas kaufen zu können. In einem fremden Land ohne Aussicht auf Chancen, mit knappem Geld, mit prekärer Unterkunft, einer anderen Kultur und im schlechtesten Falle mit einer großen Sprachbarriere, sind Liebesbeziehungen für Geflüchtete eine schwierige Sache und beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. So versuchen auch Asylbewerber oder Migranten an öffentlichen Plätzen wie Bars oder Discos eventuell ihr Glück zu finden und das zum Teil auf Weisen, welche die noch extremeren Ausprägungen des Patriarchats in ihren halbkolonialen Herkunftsländern widerspiegeln. Aus der patriarchalen Ideologie entsteht übergriffiges Verhalten, das ein Nein nicht oder nicht immer als eigenständige und gültige Willensäußerung der Frau anerkennt.

Diese Ideologie ist falsch und muss bekämpft werden. Die Antwort darauf kann aber kein bürgerlicher Feminismus sein, der überall in unerträglicher Weise nach Gleichberechtigung schreit, die in der Praxis meist auf die Doppelbelastung der Frau mit Lohn- und Reproduktionsarbeit hinausläuft. Selbst im Jahr 2017, in dem hierzulande juristisch beinahe vollkommene Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau herrscht, ist das Patriarchat nicht verschwunden. Offensichtlich ist die Frauenfrage nicht gelöst und weder Frauenquoten noch Frauenbeauftragte ändern etwas daran, dass patriarchale Gewalt und übergriffiges Verhalten fortbestehen: Das Patriarchat wird hier verwaltet – WIR wollen es beseitigen. Dem bürgerlichen Feminismus setzen wir den proletarischen Feminismus entgegen. Der Ausgangspunkt des proletarischen Feminismus ist, dass er eine gesamtgesellschaftliche Umwälzung als Notwendigkeit für die Emanzipation der Frau erkennt – die in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft nicht zu machen ist. Weil Kapital und Staat die materielle Grundlage für die Erhaltung des Patriarchats bilden, fallen die Interessen der Frauen und der Arbeiterklasse nach Befreiung zusammen, denn der Widerspruch von Kapital und Arbeit und der von Frau und Mann lassen sich nur gemeinsam lösen. Wir rufen deshalb dazu auf, patriarchalen Verhaltensweisen mit zweierlei Mitteln zu begegnen: Patriarchat ist Ideologie und Gewalt, die proletarisch-feministische Antwort darauf müssen darum Argumente und Widerstand sein. Argumente gegen die patriarchalen Gedanken, die die Theorie der weiblichen Minderwertigkeit und alle ihre Erscheinungsformen zerschlagen. Gegen die gewaltsame Praxis dieser Ideologie (Übergriffe etc.) hingegen helfen nur Wehrhaftigkeit und Gegengewalt! Die patriarchale Ideologie als der Grund des Patriarchats, als Grund dafür, dass Frauen in dieser Gesellschaft immer wieder benachteiligt werden, muss kritisiert, das Kapital als Bedingung und Förderer des Patriarchats abgeschafft, und der Staat als Nutznießer des Patriarchats muss zerschlagen werden. Deshalb heißt unser Feminismus proletarischer Feminismus, denn er lässt sich nur durch die proletarische Revolution verwirklichen. Wir sagen deshalb:

Organisiert euch im Revolutionären Aufbau! Frauen die kämpfen, sind Frauen die leben!