Wer soll und darf auf einer feministischen Veranstaltung sprechen?

Der folgende Text ist in erster Linie eine kurze Kritik an aktuellen Standpunkten im intellektuellen Kleinbürgertum, die wir hier schon mal veröffentlichen, damit klar ist, warum wir es erlauben, wenn Männer sich an der Diskussion beteiligen, oder sogar referieren. Und da wir den Gegenstandswechsel zu dieser Frage auf unseren Veranstaltungen nicht mitmachen werden, ist den an diesem Gegenstand Interessierten, dieser Text geschrieben.

Auf einer feministischen Veranstaltung geht es wie jedes Mal, wenn eine kommunistische Organisation an die Öffentlichkeit tritt, um die Praxis, und dafür um die Wahrheit. Was ist das Patriarchat? Wie kritisiert man die patriarchale Ideologie? Wie organisiert man Widerstand? Wie schafft man das Patriarchat ab? Auf diese Fragen will eine kommunistische Organisation auf einer feministischen Veranstaltung Antworten unter die Leute bringen, um sie zu agitieren und zu organisieren.
Und diese Antworten sind wahr oder falsch, ganz getrennt davon, wer sie unter die Leute bringt. Deshalb gilt es der postmodernen, subjektivistischen Moral, dass nur reden darf, wer betroffen ist, entschieden entgegenzutreten. Postmoderne meinen, dass es ein gewisses Schema, das vor der Erfahrung liegt und sie strukturiert. In der aktuellen Debatte taucht es als die Behauptung auf, dass nur Betroffene, die nötige Perspektive haben, um etwas über ihre Lage aussagen zu können, also nur sie es dürfen.
Diese Theorie hat mehrere immanente Widersprüche. Wie will man wissen, dass etwas a priori die Erfahrung strukturiert, wenn man keinen Zugriff auf die Erfahrung ohne diese Zutat a priori hat? Der Maßstab der reinen Erfahrung wäre nicht erfahrbar, folglich könnte die unreine Erfahrung an nichts blamiert, und ihre Unreinheit nur bloße Behauptung bleiben. Die postmoderne Theorie löst diesen Widerspruch scheinbar auf, indem sie sich darauf zurückzieht, dass es halt verschiedene Perspektiven gebe, und man halt um deren Existenz wisse. Wenn man das weiss, dann kann man sich wohl auch in anderer Leute Gedanken und Erfahrungen reindenken und reinfühlen, wodurch dann fraglich wird, inwiefern man einem Schema ausgeliefert wäre. Weiterhin ist es schon schräg, wenn man meint einen Irrtum erkannt zu haben, und gleichzeitig behauptet, er wäre nicht erkennbar. Wenn man einen gedanklichen Fehler kritisiert hat, dann lässt man ihn halt sein, aber man bleibt nicht in ihm verhaftet.

Hauptsächlich ist diese Theorie zu bekämpfen, weil sie vernunftfeindlich und somit antimaterialistisch und konterrevolutionär ist. Der mit Betroffenheit auf Berechtigung pochende radikale Subjektivismus postmoderner Theoretiker und Aktivisten stellt sich ignorant zum Inhalt des Gesagten. Was gesagt wird, ob es wahr ist, ob es vernünftig ist, ob man es einsehen kann und es überzeugt – alles egal. Denn dem postmodernen Theoretiker geht es darum der Betroffenheit zur Sprache zu verhelfen, die ihre Berechtigung nicht in höheren Weihen der Vernunft zu suchen braucht, sondern die sich selbst genug ist und schlicht Anerkennung, nicht für ihre Allgemeinheit, einfordert, sondern dafür, dass sie ist. Das Absurde daran ist, dass es gleichzeitig der Verzicht auf eine allgemeine Einsehbarkeit des Arguments ist, da die Vernunft und somit Einsehbarkeit des Gedankens keine Rolle spielt. Das Individuum ist sich selbst genug, und will selbstherrlich einfach nur seine Sicht der Dinge in die Welt posaunen. Andererseits wird das Individuum auf allgemeine Kategorien wie Hautfarbe und Geschlecht reduziert und gilt nur als Repräsentant irgendeiner abstrakten Identität, womit ein ähnlicher Essentialismus wie in den Rassismen und Sexismen die die postmodernen Theoretiker eigentlich bekämpfen wollen, vollzogen wird. Zwar fällt auch postmodernen Theoretikern als Feinden jeder Vernunft und damit einhergehend auch jeder Abstraktion auf, dass das irgendwie schräg ist. Sie lösen das Problem technisch durch ein „nichtweiß, weiblich etc.“ aber ihre Form der Kommunikation reduziert die Menschen gerade auf ihre Betroffenheit und nimmt sie damit als Denkendes, als einzelnes Subjekt, das richtig oder falsch liegen kann, und dessen Gedanken zu prüfen wären, nicht mehr ernst. Mit Foucaults Diskursbegriff wird behauptet, dass es auf den Einzelnen im Diskurs nicht ankomme, sondern der Diskurs getrennt von den Subjekten selbst Subjekt wäre, und gleichzeitig der Einzelne essentialistisch auf eine Gruppenzugehörigkeit reduziert und sein Denkinhalt darüber bewertet.

Bei uns hat im Moment wirklich niemand Zeit einen Grundlagentext zur postmodernen Theorie zu schreiben, und wenn würden zig wichtigere Texte zuerst geschrieben werden, aber solange sei verwiesen auf:
„Wissenschaft der Logik“ Hegel kritisiert mit seiner Kritik der Erkenntnistheorie implizit den foucaultschen Epistemebegriff; „Von der Utopie zur Wissenschaft“ Engels kritisiert mit seiner Entwicklung der Dialektik implizit den foucaultschen Diskursbegriff, „Das Kapital“ mit dem Begriff der reellen Subsumtion der Arbeit kann man die Begrifflosigkeit des foucaultschen Disziplinbegriffs aus „Überwachen und Strafen“ (da auch einmal reinschauen und feststellen, dass Disziplin alles und somit nichts bezeichnet) nachweisen.

Trotzdem meinen wir, dass auf feministischen Veranstaltungen Frauen referrieren sollten. Warum?

Weil eine Frau, die vor einem großen Publikum die Kritik am Patriarchat und die revolutionäre Strategie dagegen vertritt, praktisch den Beweis antritt, dass die Theorie der weiblichen Minderwertigkeit falsch ist und anderen Frauen als revolutionäres Vorbild dient.

Deshalb sollten Frauen auf feministischen Veranstaltungen referieren, aber es ist auch in Ordnung, wenn ein Mann oder jemand von sonsteinem Geschlecht referiert – denn es geht um die Wahrheit.