Je suis westliche Weltordnung

Die Terroranschläge in Brüssel sind wieder Material für die nationalistische Kumpanei mit den eigenen Kriegsherren. Wahlweise sind die „wahren“ Opfer nicht einfach die Opfer, sondern „unsere Lebensart“, „die Demokratie“ oder „Europa“ und für die Parteigänger der westlichen Herrschaft steht auch schon fest, was das bedeutet: Krieg. Oder wie Özedemir sagt: „Wer #Brüssel, das Herz der #EU, angreift, greift uns alle an. Unsere Demokratie ist wehrhaft.“

Als Kommunisten sind wir gegen den Islamismus, weil er eine idealistische Revolte gegen den Imperialismus ist, die nichts als bedürfnisfeindliche Sittlichkeit samt Todeskult und Massenmord bereit hält. Genauso wie wir als Kommmunisten Feinde des Imperialismus, insbesondere des deutschen, sind. Daran ändern auch die Massaker von Paris und die aktuellen Brüsseler Anschläge nichts. Daher wollen wir nochmal auf den GS-Artikel zu Charlie Hebdo hinweisen. Außerdem ist ein Artikel zum Islamischen Staat in der aktuellen Ausgabe des Gegenstandpunkts.

Zitat aus dem verlinkten Artikel zu Charlie Hebdo:
„Tatsächlich ist das Pariser Massaker nur einer der unzähligen Anwendungsfälle, in denen sich das westliche Feindbild vom letztlich grund- und zwecklosen islamistischen Terrorismus seit längerem bewährt. Die moralische Verteufelung des Widerstandes, den früher Staaten, heute eher „asymmetrische“ terroristische Vereine, der kriegerischen Praxis des Westens bei der Neuordnung des Nahen Ostens nach „Nine Eleven“ entgegensetzen, sorgt im öffentlichen Bewusstsein der für die Weltordnung verantwortlichen Nationen für die flächendeckende Anwendung jener auch in Paris in Anschlag gebrachten sauberen Abstraktion: Zielstrebig abgesehen wird nämlich beim ‚Abscheu‘ über die feindlichen ‚Untaten‘, dass es für die betroffenen Völkerschaften irgendwie ein guter Grund ihrer Feindseligkeit sein könnte, dass die westlichen Staaten ihre Feindschaft gegen weltordnungswidrige Regime praktizieren und im Zuge dessen die Heimatländer der Muslime zwischen Libyen und Pakistan mit verheerenden Kriegen und Bürgerkriegen überziehen.

Die Kriege zur Zerschlagung des Taliban-Regimes in Afghanistan und des Saddam-Staates im Irak, die gewaltsame Beseitigung Gaddafis in Libyen und die fortdauernde Unterstützung Israels bei der Kontrolle und Bekämpfung palästinensischen Widerstandes durch die USA und die europäischen Staaten haben bekanntlich weite Teile der arabischen Welt empört und ganze Staaten in Trümmer gelegt. Dies unter dem Titel der Korrektur und eines demokratischen Neuaufbaus von Nationen – nation building –, die seit den Al-Kaida-Angriffen auf New York als weltpolitische Störfälle identifiziert wurden. Weder Hunderttausende von Toten, noch die Zerstörung der Lebensgrundlagen von Millionen und auch nicht die massenhafte Verletzung der Grundsätze westlich-,humanitärer Kriegsführung und heiliger Rechtsstaatlichkeit durch lässig eingestandene „Kollateralschäden“ und öffentlich bekannt gemachte – und dadurch schon wieder verziehene – Folterpraktiken konnten die Völker des christlich-jüdischen Abendlandes in ihrer felsenfesten Zutraulichkeit zu ihren kriegführenden Regierungen sonderlich beeindrucken. Anmerkungen, wonach der Krieg der Terror der Reichen, der Terrorismus hingegen der Krieg der Armen sei, kursieren allenfalls als moralische Bonmots und stellen abweichende Meinungen dar: Die zuständigen Regierungen können sich darauf verlassen, dass die Bevölkerung wenige und wenn die passenden Gedanken darauf verschwendet, welche Politik sie eigentlich von den gewaltsamen Gegensätzen der Weltpolitik betroffen macht, und darauf, dass in den Fällen, in denen der Terror wieder einmal „Europa erreicht“, das Volk als antiterroristische Heimatfront in Treue fest zu seinen Kriegsherren steht.

Das Feindbild vom islamischen Terrorismus wird also durch die Weltordnungskriege des Westens nicht in Frage gestellt, sondern bestätigt: Gelten diese doch weitgehend unbestritten als die bewaffnete Konsequenz, mit der die demokratische Welt dem terroristischen Widerstand gegen eine bessere Welt entgegentreten muss – und dies nach dem Geschmack der öffentlichen Anwälte der Verteidigung unserer Werte gegen die Barbarei oft sogar viel zu zögerlich und inkonsequent tut. Parallel zum westlichen Truppenrückzug aus Afghanistan und Irak, wo die Erfolge bei der Zerstörung der Länder durchschlagend, die bei der Verankerung verlässlicher demokratischer Herrschaftsformen dafür weniger eindrucksvoll waren, wird die einschlägige demokratische Bildungsmaßnahme zurückgerufen und von Obama der nächste Krieg in der Region angekündigt. Der geht gegen den dort real existierenden Inbegriff des islamistischen Bösen, den IS, nebenbei noch gegen Syrien und ein bisschen auch gegen den Iran, und ist auf mindestens zehn0 Jahre terminiert. Die über die Gefährlichkeit des Feindes bestens informierte Öffentlichkeit erspart dabei den Kriegsherren nicht die kritische Nachfrage, ob der neue Waffengang mittels Drohnen, „leading from behind“, „no boots on the ground“ und unter Einsatz der dortigen verbündeten Regionalmächte überhaupt in der nötigen Härte zu führen ist, wie sie der fanatisierte Gegner erfordern würde.

So ist das sorgsam gemalte Bild vom bösen Feind erzieherisch erfolgreich, indem es alle wirklichen Gründe bestehender Feindschaft vergessen macht, die Kriegsgründe der westlichen Regierungen beglaubigt und selbst noch die Fortführung des Kampfes gegen die Resultate der eigenen Kriegsführung ins Recht setzt und in eine Defensive der guten Weltmächte gegen die Bosheit von blindwütigen Terroristen umlügt. Das geht gut, weil der Erfolgsmaßstab für die westlichen Kriegsparteien in der demokratischen Öffentlichkeit sehr anspruchsvoll ist. Unerwünschte Nebenwirkungen der langjährigen Kampagnen im einschlägigen „Krisenbogen“ – vor Ort der IS und zu Hause die Radikalisierung von Teilen der islamischen Gemeinden – lassen die Herren über die größten Kriegsmaschinerien der Geschichte wie blamiert aussehen: weil sie es nicht verhindern, dass antiwestliche Krieger im Namen Allahs sich aus den Kriegsschauplätzen in Syrien und im Irak ein Stück Land für ihr kriegstüchtiges Kalifat herausschneiden, dort westliche Journalisten köpfen, oder empörte Muslime zu Hause Anschläge wie in Paris und anderswo verüben.

Dabei ist im Übrigen anzumerken, dass die Kämpfer Allahs hinsichtlich ihres Feindbildes ihren machtvollen Gegnern bei der interessierten moralischen Verdrehung der Welt in nichts nachstehen: Die für manche muslimische Staaten so zerstörerischen Bestrebungen der imperialistischen Führungsnationen, die Störenfriede ihrer Weltordnung zu eliminieren, nehmen die politisierten Gottgläubigen vor allem wahr als die Beleidigung ihres jenseitigen Herrn, seines Propheten und ihrer gottesfürchtigen Gemeinschaft. Auch diese Dummheit hat ihren guten Sinn: Sie macht ihre Rache von Grund auf gerecht und zur Pflicht jedes Gläubigen, und als Objekte ihrer Vergeltung grundsätzlich jeden Ungläubigen geeignet, zumal wenn er als offener Feind der Muslime erkannt oder Jude ist oder sonst unterstützend zu einer gottesfeindlichen Staatsmacht steht. So können die terroristischen Rächer des Glaubens beim wahllosen Zuschlagen gegen die Bürger der Feindstaaten gar nichts falsch machen.“

http://www.gegenstandpunkt.com/gs/2015/1/gs20151093h1.html